Tag 9: Willkommen in Prag
Sonntag 25.09.2022:
Der Morgen begann in Prag. Nach einem kurzen Start in den Tag schwangen wir uns wieder auf die Räder und rollten hinein ins Herz der Stadt – zum Altstädter Ring. Ein bisschen Sightseeing musste sein, schließlich radelt man nicht jeden Tag einfach so nach Prag.
Wir schoben unsere Räder durch die Gassen, ließen uns treiben, flanierten durch die Einkaufsstraßen und hielten Ausschau nach kleinen Mitbringsel für unsere Familien. Es war dieser typische Urlaubs-Moment: Einer hat eine Idee, der nächste findet noch etwas Besseres, und am Ende stehen wir beide vor irgendeinem Souvenirladen und überlegen, ob das wirklich eine gute Idee ist – oder doch nur ein Staubfänger wird.
Dann standen wir schließlich vor der berühmten Rathausuhr. Erst noch entspannt, dann wurde es plötzlich voller. Immer mehr Menschen strömten auf den Platz, Stimmengewirr, Kameras, Gruppen, Aufgeregtheit. Und auf einmal wurde uns bewusst, wie sehr wir uns in den letzten Tagen an Ruhe, Natur und Weite gewöhnt hatten. Hier war alles anders: laut, hektisch, schnell. Die Stadt vibrierte – aber uns wurde fast ein bisschen viel davon.
Wir machten noch ein paar Fotos, natürlich auch von der Karlsbrücke – Pflichtprogramm, wenn man schon mal hier ist. Doch je länger wir in diesem Trubel standen, desto mehr zog es uns zurück auf die Räder, zurück zu dem, was uns in den letzten Tagen getragen hatte: Freiheit, Ruhe, Landschaft, der Wind im Gesicht.
Gegen Mittag verabschiedeten wir uns dann von Prag. Ein letzter Blick zurück, dann klickten die Schuhe wieder in die Pedale – und wir radelten weiter. Zurück raus aus der Großstadt, wieder hinein ins Abenteuer.
Wir radelten also entlang der Moldau aus Prag hinaus. Mit jedem Kilometer wurde es wieder ruhiger. Der Verkehr ließ nach, die Stimmen verstummten, und langsam fühlte es sich wieder nach unserer Reise an – nach Freiheit, nach Natur, nach dem Rhythmus der Pedale statt dem Lärm der Stadt.
Dann standen wir plötzlich vor einer Fähre. Rüberfahren? Klar. Preis? Gerade einmal 50 Cent pro Person. Ein richtiges Schnäppchen. Zumindest theoretisch.
Denn als wir ins Portemonnaie schauten, blitzte uns nur ein einziger Schein entgegen: ein Fuffi. Für eine 50-Cent-Fahrt vielleicht… ein kleines bisschen unpraktisch. Also Plan B: Geld kleinmachen. Wir entdeckten einen Biergarten in der Nähe und dachten uns: zwei Bier, dann passt das schon. Guter Plan, dachten wir. Der Wirt allerdings nicht.
Er konnte nicht wechseln – aber er schenkte uns die beiden Biere einfach. Und zack, standen wir da: zwei Bier in der Hand, fröhlich grinsend… und immer noch mit dem unzerstörbaren Fünfziger in der Tasche. Mission erfolgreich gescheitert.
Also versuchten wir es trotzdem bei der Fähre. Vielleicht hatten wir ja Glück. Hatten wir natürlich nicht – der Fährmann konnte ebenfalls nicht wechseln. Aber dann passierte wieder so ein Moment, der Reisen besonders macht: Eine nette Reisegruppe auf der Fähre bekam das mit, lächelte – und bezahlte einfach unsere Fahrt mit. Ganz selbstverständlich. Ganz freundlich. Einfach so.
Wieder einmal waren wir begeistert von der Herzlichkeit, die uns auf dieser Tour immer wieder begegnete.
Und so standen wir kurz darauf am anderen Ufer der Moldau:
mit einem Fuffi in der Tasche, zwei Bier im Kopf –
und einem richtig guten Gefühl im Herzen.
Unser Tagesziel war die Ortschaft Litoměřice an der Elbe. Die Strecke lief gut und wir freuten uns schon auf ein entspanntes Ankommen. Doch kurz vor dem Ziel hörten wir plötzlich ein verdächtiges Klackern am Rad. Erst ignoriert, dann doch neugierig… und schließlich standen wir am Straßenrand wie zwei Notärzte am OP-Tisch. Nach genauer Betrachtung war schnell klar: Bei Fahli war eine Speiche gebrochen – und das Rad hatte schon eine ganz ordentliche Beule. Keine Schönheitsdelle. Eher Kategorie „Aua“.
Also schleppten wir uns die letzten Kilometer mehr humpelnd als rollend ins Ziel.
Zum Glück war die Unterkunft wieder einmal richtig klasse. Ein Ort zum Durchatmen, Ausschütteln der Sorgen und kurz so tun, als wäre alles halb so wild.
Aber natürlich konnten wir es nicht lassen und starteten unseren „professionellen Reparaturversuch“. Werkzeug raus, schlaue Gesichter aufgesetzt – und los ging’s. Wir zogen an den anderen Speichen herum, in der Hoffnung, das Rad wieder halbwegs rund zu bekommen. Sagen wir so: Je länger wir schraubten, desto klarer wurde… wir machten es eigentlich nur schlimmer. Der Moment, in dem wir auch noch überlegten, die Bremse auszuhängen, war dann der endgültige Beweis: Vielleicht sollten wir das doch lieber einem echten Experten überlassen.
Also beschlossen wir vernünftig zu sein (ja, auch das passiert ab und zu) und uns am nächsten Tag professionelle Hilfe zu suchen.
Trotz all der kleinen Dramen des Tages konnten wir am Ende zufrieden zurückblicken: Obwohl wir erst mittags richtig gestartet sind, haben wir immerhin noch 81 Kilometer geschafft. So langsam kommen wir wirklich in Form – auch, wenn uns unterwegs manchmal das Material die Grenzen zeigt.