Tag 10: Die Sächische Schweiz
Montag 26.09.2022:
Der zehnte Tag begann nicht mit fröhlichem Pedalieren, sondern mit einer klaren Diagnose: Fahli sein Rad war krank. Also mussten wir einen Arzt finden. Einen Spezialisten. Einen Rad-Orthopäden.
Wir also rein in die Stadt, rein in den ersten Fahrradladen – voller Hoffnung, mit fröhlichem Lächeln und mit unseren absolut preisverdächtigen Englischkenntnissen:
„Sorry… we have an eight in our wheel. Can you help us?“
Wir waren uns sicher, das war perfekt. Schulbuch-Englisch. Oxford würde applaudieren. Der Mann im Laden schaute uns allerdings an und dachte bestimmt: „Was sind denn das für zwei Typen?.“
Dann die nächste Enttäuschung:
Der Mechaniker war… ja… irgendwo.
Nicht da.
Nicht auffindbar.
Vielleicht in Urlaub.
Vielleicht unsichtbar.
Vielleicht einfach nur kurz verschwunden, weil er ahnte, was da auf ihn zukommt.
Also weiter zum nächsten Laden. Wir marschierten rein, wieder freundlich, wieder optimistisch – wir geben ja nicht auf. Doch auch dort: Fehlanzeige. Keine Rettung. Aber immerhin bekamen wir einen Tipp.
Einen… interessanten Tipp.
Wir sollten zu Intersport gehen.
Wir schauten uns an. Der Blick sagte alles: „Hat der uns verstanden? Oder sehen wir so aus, als wollten wir jetzt spontan Nordic Walking anfangen?“ Aber gut – Windhunde sind neugierig. Also los.
Und dann kam die Überraschung des Tages: In Tschechien ist Intersport nicht nur Intersport.
Nein. Das ist eine Mischung aus Fahrradklinik, Reparaturwunderwerkstatt und göttlicher Fügung.
Der Mann dort schaute sich das Rad an, nickte – ohne Drama, ohne große Worte – und legte los.
30 Minuten später: Das Ding rollte wieder. Gerade. Stolz. Wie ein frisch polierter Cadillac.
Wir standen daneben, etwas ungläubig, ein bisschen verliebt in diesen Service – und extrem erleichtert.
Fazit des Vormittags:
Englisch mittel.
Glück groß.
Bike wieder gesund.
Reise gerettet.
Nachdem das Rad wieder gesund war, konnte die Reise weitergehen. Unser Plan für den Tag war ziemlich ambitioniert – aber typisch Windhunde: Wir wollten abends wieder in Deutschland sein. Nicht nur, weil die Heimat rief… sondern weil noch etwas mindestens genauso Wichtiges auf dem Programm stand: Fußball.
England gegen Deutschland. Nations League. Wembley.
Und wir wollten natürlich stilecht vor einem Fernseher sitzen.
Also ab auf die Räder und weiter ging’s, immer der Elbe entlang. Der Fluss begleitete uns wie ein treuer Reisegefährte, während wir tiefer und tiefer ins Elbsandsteingebirge hineinfuhren. Die Landschaft begann sich zu verändern – die Hügel wurden höher, die Felsen markanter, die Aussichten beeindruckender. Links Naturkino, rechts Postkartenmotiv – und mittendrin zwei Radfahrer, die manchmal einfach nur staunten und still wurden.
Es war so ein Abschnitt, in dem man merkt, warum man das alles eigentlich macht. Warum man schwitzt, flucht, lacht, friert, trinkt, schraubt und weiterfährt.
Weil es genau hier, zwischen Fluss, Felsen und Freiheit, einfach richtig ist.
Abends kehrten wir schließlich in einen Gasthof ein – kurz vor Bad Schandau, mitten in der sächsischen Schweiz. Und sagen wir es mal so: Die Landschaft ist nicht nur beeindruckend, sie weiß auch, was sie wert ist. Wir merkten relativ schnell: Hier ist es… nicht ganz günstig.
Aber fair muss man sein: Das Essen war dafür wirklich mega lecker. So lecker, dass man beim ersten Bissen direkt dachte: „Okay… das war es wert!“
In unserer Unterkunft gab es dann einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher – perfekt für unseren Plan: Fußballabend. Doch noch viel spannender als der Fernseher war die Begegnung, die uns dort erwartete.
Wir trafen nämlich den Fahrradpapst.
Ein älterer Herr, irgendwo um die 80, Rentner – aber körperlich offensichtlich in einer ganz anderen Liga unterwegs. Ganz ruhig, ohne Prahlerei, erzählte er, dass er in diesem Jahr bereits über 12.000 Kilometer gefahren ist. Und das war noch nicht alles: In aller Seelenruhe berichtete er, dass er in diesem Jahr auch alleine durch den Oman geradelt ist. Wir saßen daneben, mit offenen Mündern, großen Augen und dem Gefühl:
Okay… wir sind offiziell Lehrlinge.
Wir lauschten seinen Geschichten, saugten jedes Wort auf – und gleichzeitig lief natürlich England gegen Deutschland im Hintergrund. Ein echter Fußballklassiker, und dann auch noch ein 3:3 – ein Spiel, das perfekt zu diesem Abend passte: wild, emotional, voller Überraschungen.
Natürlich gab es auch ein paar Bierchen. Es war einfach einer dieser Momente, in denen alles stimmt:
Gute Geschichten.
Großer Fußball.
Geiles Essen.
Und wir sind wieder in Deutschland.
So saßen wir da – satt, zufrieden, ein bisschen müde und ziemlich glücklich. Ein perfekter Abend auf unserer Reise.