Tag 11: noch nicht am Ziel

Dienstag 27.09.2022:

Mit leicht schwerem Kopf starteten wir in den neuen Tag. Der vorherige Abend war schließlich nicht spurlos an uns vorbeigegangen – gute Geschichten, Fußball, ein paar Bierchen und die Freude, wieder in Deutschland zu sein, hinterlassen ihre Spuren. Doch es half nichts: Die Räder mussten rollen, denn unser Ziel war klar – wir wollten mittags in Dresden ankommen.

Am Anfang fuhren wir noch gemeinsam mit dem „Fahrradpapst“. Ein beeindruckender Mann, der mit seinen über 80 Jahren schon mehr Kilometer im Sattel gesammelt hat, als so mancher mit dem Auto. Er wollte ebenfalls nach Dresden, also radelten wir zunächst ein Stück zusammen, tauschten ein paar Worte und genossen die gemeinsame Strecke.

Irgendwann trennten sich unsere Wege dann doch – nicht aus Drama oder Versehen, sondern einfach, weil jeder sein eigenes Tempo fuhr. Wir stellten fest, dass wir diesmal tatsächlich etwas schneller unterwegs waren als der Fahrradpapst. Ein kleiner Moment des Stolzes mischte sich da schon hinein.

Als wir Dresden erreichten, wurde die Stimmung plötzlich etwas ruhiger. Einerseits, weil die Stadt groß und lebendig vor uns lag, andererseits, weil das Wetter uns alles andere als freundlich begrüßte. Der Wind blies kräftig – natürlich von vorne – und machte uns deutlich, dass die Tour noch lange nicht gemütlich zu Ende gehen würde.

Nach kurzer Beratung entschieden wir, nicht lange in Dresden zu verweilen. Keine große Fotosession, keine ausgedehnte Stadtbesichtigung – dafür waren die Bedingungen eindeutig zu ungemütlich. Stattdessen setzten wir unsere Reise fort, mit dem Gedanken: Weiterfahren ist manchmal die beste Entscheidung.

So ging es weiter entlang der Elbe, mit Gegenwind im Gesicht, etwas Müdigkeit in den Beinen – aber auch mit dem Gefühl, dass wir trotz allem gut unterwegs sind und immer mehr in den Reise- und Radfahrmodus hineinwachsen.

 

Bevor wir Dresden aber wirklich hinter uns lassen konnten, mussten wir noch eine wichtige Frage klären: Wo schlafen wir eigentlich heute Nacht? Also begann das bekannte Spiel, das uns auf dieser Tour schon öfter begleitet hatte.


Wie weit sollen wir noch fahren?
Wie weit können wir noch fahren?
Und vor allem: Wie weit wollen wir noch fahren?

 

Diese drei Fragen kämpften kurz in unseren Köpfen miteinander, während der Wind uns weiterhin konsequent von vorne erklärte, dass er heute keine Freunde machen wollte. Nach ein paar Überlegungen, Diskussionen und dem innerlichen Abwägen zwischen Vernunft und Abenteuerlust stand es dann fest: Wir bleiben nicht hier – wir fahren weiter die Elbe entlang. Unser neues Ziel hieß Strehla.

Die Richtung war klar, die Entscheidung getroffen – also rauf auf die Räder.

Das Wetter war so wechselhaft wie unsere Laune nach drei Stunden Gegenwind – mal ließ es uns hoffen, dann zerstörte es diese Hoffnung wieder im nächsten Moment. Regen, Wind, kurze Sonnenmomente, dann wieder grauer Himmel… die komplette Gefühlspalette der Natur direkt auf unsere Köpfe.

Aber wir trotzten den Naturgewalten. Einfach weitertreten, Kopf runter, weiter Richtung Ziel. Schritt für Schritt – beziehungsweise Tritt für Tritt – ließen wir Meißen hinter uns, später auch Riesa, und irgendwie fühlte sich jeder Kilometer danach ein bisschen wie ein kleiner Sieg an.

Am Abend rollten wir schließlich in Strehla ein. Müde, ein bisschen kaputt, aber zufrieden. 

Nachdem wir unsere Pension gefunden hatten, war es bereits stockdunkel. Wir standen vor einer Bäckerei – alles finster, kein Licht, keine Bewegung. Der Laden wirkte, als hätte er seit drei Monaten geschlossen. Wir schauten uns an und dachten nur: „Sind wir hier wirklich richtig? Oder haben wir jetzt aus Versehen eine Geisterpension gebucht?“

Plötzlich ertönte aus dem Hinterhof eine Stimme:
„Hiiieeer her!“

Ganz ehrlich… in diesen Momenten hinterfragt man kurz seine Lebensentscheidungen. Aber wir sind ja Windhunde – wir kennen keine Angst, nur Abenteuergeist. Also folgten wir der Stimme in die Dunkelheit.

Und – Überraschung! – statt Horrorfilm wartete sächsische Herzlichkeit. Wir wurden warm begrüßt und erfuhren, dass es tatsächlich eine Bäckerei mit Café und Pension war. Also quasi eine Art All-inclusive-Überraschungspaket: Frühstück, Bett und Abenteuerfaktor in einem.

Unsere Zimmer hatten alten, herrlich knarzenden Dielenboden, Türen mit riesigen Kastenschlössern und diesen ganz eigenen Charme, den nur Unterkünfte haben, die schon viele Geschichten erlebt haben. Keine sterile Hotelwelt – sondern ein Stück Charakter, Geschichte und ganz viel Atmosphäre.

Kurz gesagt: Eine dieser Unterkünfte, die man nicht vergisst – nicht, weil sie perfekt ist, sondern weil sie… na ja… Windhunde-Style ist. Abenteuerlich, herzlich, leicht schräg – und genau richtig für uns.