Tag 12: Tripleabend

Mittwoch 28.09.2022:

Ausgeschlafen packten wir unsere Sachen zusammen. Mittlerweile war langsam Routine eingekehrt – alles lief morgens schon fast automatisch, wie ein gut geöltes Uhrwerk. Fast. Denn ein Ritual darf natürlich nicht fehlen: das unnachahmliche „Schotti, hast du alles?“ – ein Satz, der so unverzichtbar ist wie Pedale und Sattel auf einem Rad.

Bevor wir jedoch aufbrachen, stärkten wir uns noch in der Bäckerei direkt unter unserem Zimmer. Frischer Kaffee, warmes Gebäck und ein bisschen Plauderei mit unserem überaus netten Gastgeber – so konnte der Tag nur gut beginnen.

Mit vollen Mägen, gut gelaunt und dem üblichen Schotti-Check im Gepäck machten wir uns schließlich wieder auf den Weg. Weiter, Kilometer für Kilometer, Richtung zu Hause.

 

Unser Tagesziel war Wittenberg – dort gab es die Möglichkeit, bei einem Bekannten in einer Scheune zu übernachten. Ein Traumziel, wenn man nach einem langen Tag nur noch Beine, Rücken und müde Köpfe hat. Doch schon früh merkten wir: Heute wird kein Spaziergang. Regen, Kälte und der Wind von vorn machten uns das Leben schwer. Jeder Tritt auf die Pedale fühlte sich an, als würde man gegen unsichtbare Wände treten.

 

Wir kämpften uns Stück für Stück voran. Immer wieder hielten wir kurz inne, wischten uns den Regen aus den Augen und fragten uns gegenseitig: „Sind wir überhaupt noch in Deutschland?“ Denn selbst hier, mitten in Sachsen, war es manchmal so einsam, dass man das Gefühl hatte, die ganze Welt hätte Feierabend.

Dörfer, in denen kaum ein Mensch auf der Straße war – wahrscheinlich alle bei der Arbeit. Und Hunde, die uns lautstark empfahlen, doch bitte sofort weiter zu radeln. Mit kräftigem Gebell und wütendem Schwanzwedeln sorgten sie dafür, dass wir kein gemütliches Päuschen einlegten.

Wir hatten schon Ungarn, die Slowakei, Österreich und Tschechien überlebt. Sollte etwa Sachsen uns brechen?

Am Nachmittag machten wir eine kleine Pause in einer Bäckerei. Endlich konnten wir uns trocknen, die nassen Sachen ein wenig ausschütteln und den kalten Wind für ein paar Minuten vergessen. Der warme Kaffee half, die klammen Glieder wieder auf Betriebstemperatur zu bringen – und plötzlich war klar: Heute schaffen wir Wittenberg nicht mehr.

Also beschlossen wir kurzerhand, schon vorher in Jessen nach einer Unterkunft zu suchen. Ein kleines, nettes Ziel, gemütlich und warm, war uns jetzt lieber als das quälende Weiterradeln durch Regen und Gegenwind.

„Na gut,“ sagten wir uns, „dann eben ein paar Kilometer mehr morgen.“
Schließlich sind Windhunde flexibel – und wissen, dass man Kilometer auch in kleinen Etappen genießen kann.
Mit dieser Entscheidung fühlte sich die restliche Fahrt plötzlich gleich viel leichter an. Auch wenn die Beine noch schwer waren – der Kopf war wieder frei, die Stimmung gut, und die Vorfreude auf ein trockenes Zimmer und ein warmes Abendessen wuchs mit jedem Tritt.

 

Schließlich erreichten wir ein italienisches Restaurant, das überraschenderweise auch Zimmer vermietete. Perfekt! Genau das, was wir nach einem langen Tag brauchten. Warmes Essen, ein Dach über dem Kopf – und genug Platz, um unseren traditionellen Tripleabend zu zelebrieren.

 

Für die, die es nicht kennen: Am letzten Abend einer Tour gibt es bei uns immer einen kleinen Ritus. Ein Bier, ein Schnaps, ein Mischgetränk – der Tripleabend. Ein Moment, um zurückzublicken, zu lachen, zu feiern und ein wenig die Reise Revue passieren zu lassen.

Und plötzlich war er da, der Gedanke: Die Tour neigte sich dem Ende. Die Kilometer, der Regen, der Wind, all die Abenteuer – alles lag hinter uns. Wir blickten zurück auf die vergangenen Tage, voller Stolz, mit müden Beinen und glücklichen Herzen. Die Rübe war wieder frei, das Lachen kehrte zurück, die Gedanken leicht.

 

Natürlich wären wir Windhunde nicht, wenn wir an so einem Abend schon nicht wieder neue Pläne aushecken würden. Neue Strecken, neue Abenteuer, neue Kilometer – irgendwo da draußen wartet schon das nächste Kapitel.