Tag 8: Ab nach Prag
Samstag 24.09.2022: Der achte Tag begann erstaunlich angenehm. Die Strecke führte leicht bergab, die Räder liefen ruhig, und für eine Weile fühlte es sich fast so an, als hätte jemand heimlich den „Schwerelos“-Modus eingeschaltet. Wir rollten einfach – jeder in seinem Rhythmus, jeder mit seinem eigenen Morgenfilm im Kopf. Es war einer dieser Momente, in denen man denkt: Okay, das könnte heute ein guter Tag werden.
Es war auch ein ständiges:
„Mir ist kalt.“
„Ach Quatsch, fahr dich warm.“
„Okay… mir ist IMMER noch kalt.“
Jacke an.
Zwei Kilometer später:
„Jetzt schwitz ich.“
Jacke aus.
Eine Minute später:
„Mir ist wieder kalt.“
Kurz gesagt: Wenn jemand eine Jacken-Anzieh-Auszieh-WM erfinden möchte – wir wären Titelkandidaten.
Und dann passierte das Gefährlichste, was auf einer Radtour passieren kann:
Wir hatten zu viel Zeit zum Denken.
Plötzlich stand er im Raum – dieser Satz, der eigentlich nie etwas Gutes verspricht:
„Ey… wollen wir eigentlich heute bis Prag fahren? Sind so… 130 Kilometer.“
Kurz war es still.
Keiner sagte sofort ja.
Keiner sagte nein.
Stattdessen dieser typische Blickwechsel:
Ein bisschen Zweifel.
Ein bisschen Trotz.
Ein bisschen „Ey… warum eigentlich nicht?“
Wir wussten, dass wir so weit noch nie an einem Stück gefahren waren. Wir wussten auch, dass das kein Spaziergang werden würde. Aber da war dieser Moment, in dem man spürt: Das ist genau die Art von Idee, die man nicht kaputtdenken darf. Also beschlossen wir – ganz pragmatisch – wir probieren es einfach. Diese Neugier und der Ehrgeiz haben uns schon immer getrieben.
Unser Gedanke war klar: Heute Abend wollen wir in Prag ankommen. Dann könnten wir morgen endlich mal ein bisschen entspannter machen, ohne ständig auf die Uhr oder die Kilometeranzeige zu schauen. Dieser Plan fühlte sich gut an – mutig, vielleicht ein bisschen verrückt, aber genau richtig für diesen Tag.
Also machten wir uns weiter auf den Weg.
Und plötzlich waren wir mittendrin in einer Stille, die man kaum noch kennt. Keine Autos, kaum Dörfer, manchmal stundenlang keine einzigen Menschen. Nur wir, unsere Räder und dieses leise Summen, wenn der Asphalt unter den Reifen entlangstreicht. Es fühlte sich fast so an, als hätte jemand die Welt kurz auf „Pause“ gedrückt.
Wir fuhren durch endlose Wiesen und stille Wälder, durch Landschaften, die gleichzeitig einsam und wunderschön waren. Links und rechts der Straße reihten sich Apfelbäume aneinander – wie eine Einladung am Wegesrand. Reife Äpfel, perfekt für diese Jahreszeit, und natürlich ließen wir uns nicht lange bitten. Ein kurzer Stopp, ein paar Bisse in knackige, saftige Äpfel – kleine Momente, die plötzlich groß werden, weil sie so ehrlich sind.
Es war ein sehr idyllischer Teil unserer Tour. Still. Weit. Friedlich. So anders als der Alltag, so weit weg von Terminen, Stress und Verpflichtungen. Hier, irgendwo in der tschechischen Landschaft, fühlte sich die Welt für ein paar Stunden einfach richtig an. Und wir mittendrin – mit müden Beinen, aber glücklichem Herzen.
Wir hatten uns für die Nacht eine kleine Pension ein Stück außerhalb von Prag ausgesucht. Gegen Abend merkte man uns die Kilometer des Tages deutlich an – die Beine schwer, der Kopf müde, aber innerlich zufrieden. Als wir schließlich kurz vor 20 Uhr langsam Richtung Unterkunft rollten, wurde es bereits dunkel. Die Lichter gingen an, die Welt wurde ruhiger – und wir hatten dieses wunderschöne Gefühl: Wir haben es wirklich geschafft.
Die Pension hieß „Max“ – und schon der erste Eindruck ließ uns erahnen, dass das hier kein Standard-Hotel wird, sondern eher ein kleines Abenteuer. Unser Zimmer war… nennen wir es liebevoll „charaktervoll“. Alles ein bisschen zusammengewürfelt, nichts wirklich perfekt, aber genau das machte es irgendwie sympathisch. Und vor allem: Es reichte völlig aus. Ein Bett, ein Dach über dem Kopf, warme Dusche – mehr braucht man nach so einem Tag einfach nicht.
Das eigentliche Highlight war aber die kleine Kneipe, die zur Pension gehörte. Einfache Tische, gemütliche Atmosphäre, ein bisschen rau, aber herzlich. Und – das Wichtigste – es gab noch etwas zu essen. Wieder einmal waren wir überrascht, wie oft wir in Tschechien trotz später Stunde noch warmes, wirklich leckeres Essen bekamen. Diese Gastfreundschaft hat uns ehrlich beeindruckt. Man hatte immer das Gefühl: Solange ihr noch hereinschneit, lassen wir euch nicht hungrig ins Bett.
Während wir dort saßen, kam plötzlich ein älterer Herr an unseren Tisch, sprach freundlich auf Tschechisch auf uns ein – mit einem Lächeln, mit Gestik, ganz offensichtlich gut gemeint. Wir nickten höflich, lächelten zurück… und verstanden exakt nichts. Also antworteten wir auf Englisch, erklärten ihm, dass wir Radreisende sind. Das half allerdings auch nicht weiter. Er nickte, wir nickten, niemand verstand irgendwen – ein internationaler Dialog der reinen Herzlichkeit – und schließlich ging er wieder. Irgendwie war die Situation so menschlich und so charmant, dass wir noch lange darüber lachen mussten.
Nach dem Essen verzogen wir uns schließlich in unsere Zimmer. Die Müdigkeit fiel uns plötzlich wie ein schwerer Mantel über die Schultern. Ein letzter Blick auf die gefahrenen Kilometer, ein paar Sätze darüber, was wir heute erlebt hatten – dann war Schluss. Wir krochen in unsere Betten und ließen uns erschöpft, zufrieden und ein kleines bisschen stolz in den Schlaf fallen.